„Der Punkt ist…“ „ja was ist der Punkt?“ – HALT DIE KLAPPE!

45 Minuten lang aufregen – dank Politik. Über das Gespräch bei Phoenix zwischen Hillbrandt, Scholze und… ääh… dem Moderator.

Die Gesprächskultur in Deutschland ist schon was feines. Man lernt in der Schule, sich zu respektieren. Ausreden zu lassen. Zu diskutieren. Nachzudenken. All diese Fähigkeiten, nein Notwendigkeiten in einem zivilisierten Streitgespräch werden in der Politik vergessen.

Dieser Abend war wieder einmal ein wundervoller, wenn man darauf hinweisen möchte, dass in der Politik die Profilierungsgeilheit weit vor Kompetenz gehandelt wird, es sei denn es wird um letztere gerangelt. Denn wie man etwas sagt ist anscheinend doch wichtiger als was man sagt. Und wenn man noch beleidigend werden kann zwischenrein – umso besser. Dieser Abend war wiedereinmal ein wundervoller, wenn man auf Chaos steht. Und auf verbale Tiefschläge, die eines Einzellers (kann man den überhaupt tiefschlagen? Egal, sie kamen ja von ihm und nicht gegen ihn) nicht würdig wären.

Aber von Anfang an:

Personae:
Dirk Hillbrecht
Vorsitzender der Piratenpartei Dtl.
Prof. Rupert Scholz – CDU, ehem. Bundesminister der Verteidigung und Staatsrechtler
Christoph Minhoff – ein Moderator, der nicht weiß dass er moderiert

Sendebeschreibung @ Phoenix

Wo soll man anfangen?
Sagen wir es so. Die Piratenpartei braucht mehr Rhetoriker. Die CDU weniger.  Und der Moderator heisst immer noch Moderator und nicht Violator (nein, das is kein Violinist… oder so.), aber dass scheint Herr Minhoff, der sich anscheinend gerne reden hört und damit schonmal ziemlich disqualifiziert für den Posten ist, wohl nicht so ganz verstanden haben.
Ja, warum nicht. Fangen wir bei der Moderation des Abends an. Es ist immer wieder beeindruckend, wie man Themen lenken kann. Geschickt die Fäden ziehen, dass auf etwas Unbequemeres angesprochen wird, ohne den Gesprächsfluss zu unterbrechen. Neutral zu wirken wie der allererste Schweizer, und doch den eigenen Charakter, die eigenen Vorstellungen, Erwartungen in Vereinbarung mit den Grundsätzen einer Diskussion und dem demonstrierten Respekt für die Teilnehmer an dieser (was der Moderator nicht sein sollte) einfliessen zu lassen. Sei das Idealbild eines Moderators, wenn auch eines hinterlistigen, fiesen, ein begabter Puppenspieler, der die Puppen spielen lässt und nicht spielt, so war Minhoff heute wohl ein pubertierender Jugendlicher auf der Bühne der Staatsoper. Mit Brechstange.
Es war einfach zu groß für ihn. Diese ganzen Gesetze, dieses Internet und all das neumodische Zeug. Wovon redet der Typ da?
Wie auch immer. Das Thema war zu groß für seinen Geist, also sprang das Ego namens Brechstange helfend ein. Er war der Violator des Abends und fest davon überzeugt, dass der Titel doch irgendwas mit erster Geige zu tun hätte. Wie falsch er da lag. Und so schwarz war seine Seele, man wusste sofort auf welcher Seite er stand. Kleiner Tipp: Parteifarbe. *sigh*
Ich verstehe ja, dass Phoenix ein Low-Budget-Sender ist, der sich gerade mal eine Tonne Haarpomenade im Monat leisten kann. Aber was sollte das? Wie kann jemand so dermaßen disqualifiziert für den Job eines Moderators sein? Wie kann man seine Gäste ständig unterbrechen, banale und infame Beleidigungen ablassen und überanscheinende Missstände wortgewand (<- Ironie, Achtung! Nicht stolpern!) herziehen, wenn man sie nicht einmal in den Grundzügen versteht, verstehen kann oder verstehen will? Wie kann man als Moderator im Nischenfernsehen Phoenix so politikdesinformiert sein? Nein, nicht uninformiert. Des. Denkt drüber nach, verdammt.

Ich könnte Beispiele nennen, aber schaut es euch selber an. Ich will auch keine weiteren Worte mehr über diesen Menschen verlieren, dessen selbstsicheres Auftreten wohl schon so manche Fachkraft zur Verzweiflung gebracht hat. Der typische Vertreter von Mensch, der dir beweist dass schwarz weiß ist und stolz drauf ist. Leider sterben solche Leute nie an Zebrastreifen.

Kommen wir zu Scholz.
Ich finde es interessant. Es? Naja. Es halt. Alles es. Es alles. Der Herr hat Jura studiert. Erfolgreich. Er war Professor in Berlin. Er gibt einen Grundgesetzkommentar heraus. Nett, oder? Ich bin beeindruckt, und das meine ich wirklich ernst. Leider – und genau das finde ich interessant – hat Herr Scholz absolut keine Ahnung vom Thema, da es zu spezifisch ist. Und er zeigt genau die Krankheit, die man bei solchen Leuten immer wieder beobachten kann und die wohl eine ewige Schwäche der Menschheit ist: Wenn jemand, sagen wir rein hypothetisch jemand wie Herr Scholz, irgendetwas, was mit dem Thema verwandt ist (oder auch nicht) beherrscht und erfolgreich darin ist, so bildet er sich bei jeder Gelegenheit ein, auch von allen anderen Dingen der Weisheit letzter Schluss zu sein. Diese Menschen haben es verlernt zu lernen. Sie haben es verlernt, richtig zuzuhören. Sie haben verlernt zu erkennen, wann andere Meinungen durchaus wert sein könnten, überdacht zu werden und nicht mit einer Punktzahl und einem gehässigen Kommentar beschriftet zu werden. Und das merkt man. Und das ist unsympathisch hoch zehn. Eine Eigenschaft, die eigentlich kein Politiker aufweisen sollte, denn das bricht ihm das Genick. Normalerweise.
Herr Scholz scheint ein recht widerstandsfähiges Genick zu haben. Er kann es sich anscheinend leisten, so unsympathisch zu wirken. Denn er unterbricht andauernd. Sein Tonfall wie der eines Elternteils, das mit seinem Kind redet und ihm erklärt, dass das unmöglich sein könne, dass sich die Erde um die Sonne dreht – obwohl das Kind gerade das Gegengteil bewiesen und zusätzlich noch die Lichtgeschwindigkeit errechnet hat. Er sieht seine Unfähigkeit nicht ein. Er ist nicht gekommen, um zu diskutieren. Er ist gekommen um zu zeigen, wer das Sagen hat. Und dass der, der das Sagen hat, weiß sich auszudrücken, auch wenn das, was er sagt, Humbug ist. Er kann die Gesichter des Publikums nicht lesen. Er kann die Stimmung im Saal nicht fühlen. Er bringt nichts mit, was einen Politiker ausmacht. Und er ist stolz darauf.
Dieser Mensch hat einen Grundrechtskommentar verfasst. Mag er auch in Grund(haha)zügen richtig sein, so war der Art. 5 sicherlich nie seine Stärke. Oder sein Lieblingskind. Er hat nie erkannt, dass er, als er von der Judikative in die Legislative gewechselt ist, seine Geisteshaltung hätte ändern müssen. Vom Auslegen und Argumentieren zum Erfinden und Denken.
Er ist das typische Beispiel eines CDU-Mannes: Ein Konservativer im wahren Wortsinn. Ein Bewahrer. Und er kommt mit dieser sich stetig verändernden Ära nicht zurecht. Es ist in diesem Themenfeld kein Platz für Konservatismus, da es per se nicht konservativ sondern progressiv ist. Es stellt sich also schlussendlich nur die alte Frage: Was passiert, wenn eine unendlich große Kraft auf ein unbewegliches Ziel trifft?
Die Antwort in diesem Fall ist klar: Alles dazwischen wird zermalmt.
Wie gut, dass Herr Scholz sich hat eine Hülle wachsen lassen, die ihn zwar nicht davor bewahrt, aber ihn wenigstens keinen Schmerz fühlen lässt. Wie gut… für ihn. Ihn allein.

Auf der anderen Seite steht Herr Hillbrecht. Wer jetzt ein Lobliet erwartet hat, den muss ich leider enttäuschen. Ich ehre seine Ziele, ich bewundere seine Ansichten und sein Können. Aber man merkt, dass er kein Politiker ist. Und kein Rhetoriker. Zu konfus, zu unruhig. Er lässt sich unterbrechen, es kostet ihn merklich Überwindung einmal in den Angriffsmodus umzuschalten. Er lässt sich zu leicht von seinem Kurs abbringen. Oh, wie gerne hätte ich es gehabt, hätte er statt „Killerspielen“, auf die er abgedrängt wurde, doch lieber „Glücksspiele“ erwähnt. Spiel bleibt Spiel, oder? Nur dass bei letzterem Ursula vdLs Verwandschaft… naja, wir kennen die Geschichte.
Das hätte ein Fest werden können, Herr Hillbrecht! Sie hätten die Sau rauslassen können und dem Sinnbild der CDU verbal und politisch so eine reinwürgen können, dass das Fest nicht mehr feierlich wäre. Es wäre heroisch geworden. Statt dessen zittern Sie ja fast rum…

Herr Hillbrecht: Piraten kämpfen gegen das Meer, sie lassen sich nicht von der Strömung treiben! Sie lachen dem Sturm ins Gesicht und zeigen ihm, wer der wahre Herr über die Gewalten ist. So müssen Sie auftreten, und nicht wie ein Seekranker! Und ich weiß, Sie können das!

Bei aller Kritik: Die Herren der PP sind neu im Geschäft, und wie man sich fühlt und sich etwas vorstellt  ist immer etwas ganz anderes als wie man sich anderen in Wahrheit darstellt. Und ich denke, der Unterschied in meiner Kritik ist deutlich geworden: Die PP hat Potential – die CDU hat hier garnichts zu sagen. Aber die PP schöpft es nicht aus, und die CDU sagt zu viel. Und wo der Herr Moderator steht ist ja auch mehr als deutlich.

Die Server der Piratenpartei waren nach der Sendung im übrigen überlastet und in Folge nicht erreichbar. Ich werte das mal als Erfolg.

~ von Asca am Juni 22, 2009.

8 Antworten to “„Der Punkt ist…“ „ja was ist der Punkt?“ – HALT DIE KLAPPE!”

  1. Sehr übertrieben, aber, ja.^^

  2. [...] “Der Punkt ist…” “ja was ist der Punkt?” – HALT DIE KLAPPE! auf … [...]

  3. http://schneeschmelze.wordpress.com/2009/06/22/die-%E2%80%9Epiraten%E2%80%9C-wurden-vorgefuhrt/

    Das ist ein „wesentlich besserer“ Kommentar, laut Freundesmeinung. Ich schließe mich der an. Ich sollte denken, bevor ich schreibe. Aber ich wollte ja auch eher den Eindruck einfassen, als den Inhalt. Der war nämlich bei der Diskussion auch nicht vorhanden. :/

  4. Es war einfach zu groß für ihn. Diese ganzen Gesetze, dieses Internet und all das neumodische Zeug. Wovon redet der Typ da?

    Ja. Treffer ins Schwarze. Ganz unabhängig von den diskutierten Themen hat mich diese fast offen zur Schau gestellte Ignoranz gegenüber der Funktionsweise und Technik ehrlich gesagt ein wenig verblüfft. Das ist ja gerade der Punkt um den es geht und den der Pirat auch versucht hat zu erklären, dabei aber eben an dieser „ach die jugend, haha, alles neu, ich weiß es nicht“ Haltung scheitern musste. Weil auf der einen Seiten offen zugeben wurde kein Wissen (nicht mal oberflächlich) zu haben und auf der Anderen Seite die eigene Meinung umso heftiger in die Diskussion gedrückt wurde. Schade. Ich fand den Pirat gut. Ein Gregor Gysi oder Fefe hätte sie zwar in der Luft zerissen aber vielleicht ist gerade diese nüchterne distanzierte Haltung eine erfreuliche Eigenschaft der Piratenpartei.

  5. [...] http://ascasblog.wordpress.com/2009/06/22/der-punkt-ist-ja-was-ist-der-punkt-halt-die-klappe [...]

  6. für mich war der stärkste Punkt: wenn in Uruguay einer Kinder fickt, das filmt und ins Internet stellt, dann können wir dagegn nix machen. Stopp-Schild davor und vergessen ist es. Unglaublich! Das sind die Ansichten von Herrn Scholz? Na dann, gute Nacht!

  7. Ja, vor allem weil in Uruguay so leistungsstarke Server stehen *facepalm*

  8. hallo, automatisches trackback hat nicht geklappt, deshalb nochmal eine inhaltliche anmerkung so:

    Urheberrechtsreform der Piraten – Ideen und Irrtümer

    Ich hatte heute Nachmittag die Zeit, mich nochmal intensiv mit dem Programm der Piratenpartei auseinanderzusetzen. Insbesondere das, was die Piraten zum Urheberrecht und der (nicht-)kommerziellen Vervielfältigung schreiben, ist interessant. Ich zitiere mal ein paar Passagen und kommentiere diese gleichzeitig…

    http://simplizissimus.wordpress.com/2009/06/24/irrtumer-der-urheberrechtsreform-der-piraten/

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